Bis auf familiengeführte Mittelstandsfirmen kommt aus dieser Nummer keiner raus: Die Geschäftsleitung soll sich innovationsfreudig zeigen; was seinen Ausdruck darin findet, dass jede neue Parole aus der Management-Manege auch durch die betriebseigenen Flure getrieben wird. Nachdem wir jetzt digital sind, fragt sich also jeder: „Sind wir denn ädschail?“ Die Folge: Agile-Coaches und -Agenten fluten die Büroetagen, und alles, was nicht bei drei auf den Büroschränken ist, wird agilisiert. Die Agile-Hysterie treibt ihrem Höhepunkt entgegen.

Schlanker Kaffee

Neben den Zertifizierungen für Scrum-Master oder Product Owner bringen die frischgebackenen Agenten auch das eine oder andere Tool an den Start, das Meetings endlich effizient und spannend machen soll. Neben dem Daily Scrum (kurzes, morgendliches Status-Meeting – sinnvoll bei echten Scrum-Prozessen) ist es der ultra-hippe Lean-Coffee. Und das ist kein Kaffee Togo koffeinfrei, sondern ein Meeting-Format, das so ziemlich allem widerspricht, was die Meeting-Wissenschaften als dienlich für Effizienz und Ergebnis einer Arbeitsbesprechung herausgefunden haben.

So funktioniert das Lean-Coffee-Meeting

    • Jeder kann formlos einladen: Das ist natürlich 1A-basisdemokratisch. Im Wissen, dass es aber definitiv zu viele und nicht zu wenige Meetings gibt, nicht gerade zielführend.
    • Es ist ein hierarchiefreies Meeting: Nieder mit dem Meeting-Leiter. Nennen wir ihn lieber Moderator. Denn ohne einen solchen kann das Meeting spannend, aber sicher nicht zielführend werden. Jetzt werden Sie sagen: Wieso zielführend, wir haben doch gar keine Ziele? Dazu später mehr. An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass der Rolle Moderator schon eine formale Vorgabemacht innewohnt. Schon dem Wortsinn nach soll er, nicht lupenrein basisdemokratisch, mäßigend (= moderare) auf die Teilnehmer einwirken.
    • Keine Agenda, keine Vorbereitung nötig: Prima, endlich ein Meeting, in das man einfach mal so reinschunkeln kann. Niemand will dieser Freude Abbruch tun. Nur, es gibt wohl kein besser belegtes Forschungsergebnis als die Tatsache, dass eine im Vorfeld, möglichst gemeinsam erarbeitete, aussagekräftige Tagesordnung (13 belegte Fundstellen in der Meeting-Literatur zwischen 1994 und 2015, hier geht’s zum PDF) die Meeting-Qualität und die Meeting-Effizienz signifikant erhöht.
    • Die Teilnehmer bringen sich mit Themen ein, die dann priorisiert werden: Es gibt also Tagesordnungspunkte, die anstatt vor im Meeting erstellt werden. Nicht überliefert ist, ob das Lean-Coffee-Format die Abstimmung mit den Füßen zulässt (vgl. Open Space), so dass man die Veranstaltung nach der Themen-Priorisierung, oder wenn die Themen mangels Vorbereitung nur lückenhaft bedient werden können, wieder verlassen kann.
Bildnachweis: leancoffee.org

Panta rhei: Lean-Coffee-Kanban, auch erhältlich mit Wertstrom. Bildnachweis: leancoffee.org

      • Man nutze zur Visualisierung ein „Personal-Kanban“: Spätestens an diesem Punkt hat Lean Coffee die hohen Weihen der Agilität erreicht. Kanban! Diese Darstellungs-Methode, etwa auf einer Wandtafel, ist ganz prima dazu geeignet, um beispielsweise die Mitglieder einer Arbeitsgruppe augenscheinlich darüber zu informieren, was ansteht, was fertig und was gerade in Arbeit ist („To Do, Doing, Done“). Was diese Methode in einem Meeting soll, wo man nicht hyperintelligent sein muss, um zu erkennen: Die Themen in der Liste über dem gerade besprochenen sind vorbei, die darunter kommen noch. Empfehlenswerte Variante für Pragmatiker, die nicht aufs Kanban-Flair verzichten möchten: Prio-/Themenliste nehmen und quer an die Pinnwand hängen.

Fazit: Agiler Plausch zur Freizitgestaltung

Natürlich gibt es für Lean-Coffee auch eine Org. Die deutsche Version besteht aus einer Seite, auf der internationalen erfährt man, dass die Betreiber ein Drei-Mann-Consulting ist und in welchen Städten Lean Coffee aktiv ist, etwa Berlin, Dortmund, Stuttgart, wo sich entsprechende Meetup-Gruppen gebildet haben. Und dann wird auch klar, was Lean Coffee ist: Eine nette Freizeit-Veranstaltung unter agilen Gleichgesinnten. Und was nicht: Das Format eines professionellen Meetings, mit der Idee, Unternehmensziele zu erreichen.